Mehr Fachkräftemangel durch soziale Pflichtzeit?

Am 12.06 brachte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier im Interview mit der Bild am Sonntag die soziale Pflichtzeit wieder zur Sprache. In letzter Zeit wurden vor allem aufgrund des Ukraine-Krieges die Rufe nach irgendeiner Form von Pflichtzeit laut. Steinmeier plädierte dabei auf eine “gewisse Zeit”, wobei sich jungen Menschen für die Gemeinschaft in oder außerhalb der Bundeswehr engagieren sollten. Dadurch sollen Vorurteile abgebaut und der Gemeinsinn gestärkt werden. 

Eingriffe der Politik in Lebensplanung nichts neues

In der Vergangenheit hatte die Regierung schon mehrfach in die Lebensplanung junger Menschen eingegriffen. So wurde beispielsweise am 01.07.2011 die allgemeine Wehrpflicht, welche allein für Männer galt, abgeschafft. Nur ein Jahr später wurde zwischen 2012 und 2015 in fast allen Bundesländern von der Schulform G9 auf G8 umgestellt. Infolgedessen hatten die Schülerinnen und Schüler ein Schuljahr weniger Zeit für das Abitur. Die Schulzeitverkürzung war eine Idee, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Zudem sollte der baldigere Berufseinstieg entsprechend für frühere Zahlungen ins Steuer- und Sozialsystem sorgen. Die erhoffte Wirkung wurde zwar erreicht, aber mit deutlichen Abstrichen und zu Lasten der Schülerinnen und Schüler.

Ein neuer Versuch um den Fachkräftemangel entgegenzuwirken?

Nun gibt es also eine neue Diskussion um die soziale Pflichtzeit. Für einige ist es die Lösung für den Fachkräftemangel in der Pflege und eine Alternative für nicht besetzte Ehrenämter. Andere kritisieren, dass der generell unterfinanzierte Pflegesektor durch ungelernte Kräfte weiter in die Krise rutscht, anstatt davon zu profitieren. Justizminister Marco Buschmann (FDP) stellt fest: “Wir leiden überall unter Fachkräftemangel”. Damit spricht er vielen Arbeitgebern und auch dem öffentlichen Dienst, welchem bis 2030 über 1 Millionen Arbeitnehmer fehlen, aus dem Herzen. Der Jahrgang 2004 umfasst 750.000 Jugendliche, die theoretisch unter die Regelung der neuen sozialen Pflichtzeit fallen würden. Schon heute leisten ca. 100.000 Menschen einen Jugend- oder Bundesfreiwilligen-Dienst, das sind 13,3 Prozent. Zum Vergleich: 2015 entschieden sich 6 Prozent zu einem FSJ. Einfach gedacht würde das also heißen, dass 650.000 zukünftige Arbeitnehmer später auf dem Arbeitsmarkt strömen würden und den Fachkräftemangel so verstärken würden.

So einfach kann man die Zahlen natürlich nicht interpretieren, aber eins ist klar: der Fachkräftemangel ist überall und auch eine soziale Pflichtzeit kann ihn weder lösen noch langfristig verstärken.

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